Schifferkirche in Arnis
Ich
hoffe, Sie fühlen sich sogleich heimisch in dieser kleinen Kirche.
Wenn
ja, dann geht es Ihnen wie vielen Menschen, die diese Kirche besuchen:
Sie
kommen durch die Kirchentür und staunen.
Und
manche Verliebte kommen wieder, um sich hier trauen zu lassen.
Und
manche, die guter Hoffnung sind, kommen wieder,
um
ihr Kind hier taufen zu lassen.
Wenn
man den Kirchenraum betritt und den Blick umherschweifen lässt,
dann
fallen die vier Votivschiffe auf.
Sie
sind Geschenke von Schiffern als Dank für ihre Rettung aus Seenot.
Und
damit sind wir schon bei dem,
was
die Menschen hier in Arnis seit Jahrhunderten bewegt hat: die Seefahrt.
Ich
denke, wer einmal zur See gefahren ist, den lässt das nicht mehr los.
Zeitlebens
nicht.
Zur
See fahren prägt.
Da
bist du der Natur ausgesetzt. Bei Sturm und Wind.
Da
hast du die Gefahren des Meeres vor Augen.
Und
die Familie, die ist weit weg im sicheren Hafen.
Und
doch hast du eine zweite Familie um dich.
Menschen,
die mit dir Schicksal und Leidenschaft teilen.
Dieses
„Gemeinsam durch dick und dünn“ gehen,
dieses
Aufeinander angewiesen sein, das schweißt zusammen.
Dieses
„Ich kann mich auf den anderen verlassen und er auf mich“,
das
gibt Vertrauen.
Dieses
Gefühl: „Wir sitzen alle im selben Boot.“
Dieses
Gefühl hatten auch die 62 Familien aus Kappeln,
die
1667 hierher nach Arnis kamen.
Arnis
war damals noch eine unbewohnte Insel.
Und
diese 62 Familien verließen am 11. Mai 1667 Kappeln.
In
Kappeln wären sie Leibeigene, Untertanen von Detlev von Rumohr,
der
auf Gut Roest saß, geworden.
Das
wollten sie nicht. Sie wollten frei sein.
So
kamen sie hierher, wo nur dichter Wald war.
Und
sie fingen an, für ihre Freiheit zu arbeiten:
Bäume
zu fällen und Häuser zu bauen.
„Wir
sitzen alle im selben Boot!“ Das war ihr Gefühl.
Und
dieses Gefühl, das wollten sie auch in einem Bau ausdrücken.
Und
deshalb begannen sie, diese Kirche zu bauen. Dieses Kirchenschiff.
Eine
besonders schöne Kirche sollte es sein.
Nicht
aus Holz gebaut, wie die anderen Häuser damals in Arnis,
sondern
aus Stein.
Und
nicht aus irgendeinem Stein: Backstein sollte es sein.
Der
beste Backstein, den man kriegen konnte.
Und
den gab es auf der Insel Gotland.
Und
so fuhr ein Schiff von der Insel Gotland zur Insel Arnis.
Erst
lief alles gut, doch dann kam ein Sturm auf.
Das
Schiff samt Mannschaft und Ladung geriet in Seenot -
und
ging unter.

Die
Arnisser machten aus der Not eine Tugend und bauten eine Fachwerk-Kirche.
1673
war das.
Die
Nordwand ist noch von damals erhalten.
Die
Südwand zur Schlei hin hielt nur 60 Jahre.
Dann
musste sie erneuert werden.
Mit
dicken Steinen.
Das
Kirchenschiff hat noch das alte Gestühl von 1673.
Die
Taufe ist auch schon von damals.
Die
vier Evangelisten tragen das Taufbecken.
Die
Taufschale aus Messing wird 1751 zum ersten Mal erwähnt.
Die
Kanzel ist älter als die Kirche.
Rechts
unten kann man die Jahreszahl 1573 lesen.
Die
Kanzel ist im Stil der Renaissance erbaut.
Vier
Flachreliefs zeigen
1.
den Apostel Paulus mit Schwert,
2.
Maria mit Kind,
3.
Adam und Eva,
4.
zwei unbekannte Männer (vielleicht die Erbauer oder die Spender).
Bleibt
die Frage: Woher stammt die Kanzel?
Sie
ist doch älter als die Kirche. Also muss sie irgendwo her sein!
Die
Antwort gibt eine Sage:
Auf
ihren Fischfang-Fahrten durch Ost- und Nordsee kamen Arnisser Schiffer
auch
an der alten Insel Strand (Nordstrand) vorbei.
Weite
Teile dieser Insel waren 1634 in einer großen Sturmflut untergegangen.
Darunter
auch einige Kirchen.
Als
nun die Arnisser Schiffer dort lang segelten,
sahen
sie - man glaubt es kaum –
eine
Kanzel auf dem Wasser schwimmen.
Und
weil die Arnisser Fischer waren,
fischten
sie die Kanzel aus dem Wasser
und
nahmen sie mit nach Arnis in ihre Kirche.
An
der Nordwand hängt ein geschnitztes Kruzifix in Lebensgröße.
Es
könnte so alt sein wie die Kirche.
Dann
wäre es nach einem spätgotischem Vorbild gearbeitet.
Es
könnte aber auch älter sein und aus einer anderen Kirche stammen,
weil
es in dieser kleinen Kirche sehr groß wirkt.
Über
der Südtür und der Nordtür hängen Ölgemälde:
„Die
Kreuzaufrichtung“ aus dem Jahre 1693
und
„Das jüngste Gericht“ mit der Inschrift:
„Gott
zu Ehren und der Kirche zum Zierath verehrte dieses August Friedrich Kemmeter
– 1742.“
Die
Orgel kam 1842 hinzu.
Die
Verbindung von Tastatur zu den Orgelpfeifen ist pneumatisch,
was
heutzutage eine Seltenheit ist.
Orgelprospekt
und Orgelempore sind klassizistisch
und
überdachen den Altar.
„Wir
sitzen alle im selben Boot!“
Dieses
Gefühl wird ganz besonders durch das Altarbild ausgedrückt.
Ein
Halbrelief, das Andreas Lang aus Oberammergau 1936 geschaffen hat.
Jesus
und seine Jünger im selben Boot.
So
wie die Gottesdienst-Besucher heute im selben „Kirchenboot“ sitzen,
so
saßen sie damals im selben Boot.

Und
so wie die Jünger damals im Sturm nach Jesus riefen,
so
rufen Menschen heute in den Stürmen ihres Lebens nach Jesus.
Und
Jesus? Was tat Jesus?
Der
lag hinten im Achterdeck und schlief.
“Meister,
Meister”, schrieen die Jünger mit verzweifelter Stimme,
„wir
kommen um!“
Und
dann die überraschende Wende:
Jesus
bleibt die Ruhe selbst.
Er
weiß vom Sturm und er kennt den Sturm.
Er
steht auf und entkräftet den Sturm.
Seine
Ruhe überträgt sich auf den Sturm.
Und
der Sturm sackt in sich zusammen.
Und
plötzlich ist Ruhe im Boot.
Stille
breitet sich aus.
Und
Frieden.
Wie
sieht`s bei Ihnen aus?
Vielleicht
stehen sie gerade mitten in einem Sturm,
mitten
in einer Unruhe
und
suchen einen Ort, wo sie Ruhe erfahren können.
Dann
sind hier und heute genau richtig.
Wenn
Sie auf der Suche sind,
dann
sind Sie in diesem Kirchen-Schiff genau richtig.
Hier
und heute kann Ihre Seele endlich mal wieder aus dem Hafen auslaufen
und
auf hohe See gehen.
Mit
Jesus als Kapitän im Boot
und
Gott als Reeder und Schutzherrn
muss
Ihnen wahrlich nicht bange sein!
Übrigens:
Wenn
Sie dieses Gefühl „Wir sitzen alle im selben Boot!“
mit
uns teilen möchten,
dann
seien Sie herzlich willkommen im Gottesdienst!
Wir
feiern hier jeden Sonntag um 11 Uhr
und
am letzten Sonntag im Monat um 18 Uhr.
Ich würde mich freuen, wenn wir uns da sehen!
Pastor Hans-Heinrich Ehlers
P.s.:
In der Christvesper am Heiligabend 2004 in der Schifferkirche zu Arnis übergab Pastor Hans-Heinrich Ehlers der Gemeinde das Gemälde BEWEINUNG, das in der Nacht zum 22. Oktober 2003 aus der Schifferkirche gestohlen worden war. Als Weihnachtsgeschenk präsentierte er das Gemälde mit Dank an die Kriminalpolizei in Lübeck. Die Kripo 2 Lübeck hatte das Gemälde am 20. Dezember 2004 bei einer Hausdurchsuchung in der Hansestadt entdeckt – im Wohnzimmer über der Couch. Pastor Ehlers ist daraufhin nach Lübeck gefahren und hat das Gemälde heimgeholt. Er wollte das Gemälde der Gemeinde als Weihnachtsüberraschung übergeben, was ihm auch gelungen ist. Nur die Küsterin der Schifferkirche wusste Bescheid. Zu Beginn des Heiligabend-Gottesdienstes sagte Pastor Ehlers der Gemeinde, er habe ein Geschenk mitgebracht und zeigte es, eingewickelt in Geschenkpapier. Er bat Kirchenvorsteher Dr. Wolfram Lufft, das Geschenk auszupacken. Erstaunen und Freude waren groß über dieses Weihnachtsgeschenk. Kirchenvorsteher Dr. Lufft und Pastor Ehlers hängten das Gemälde an seinen alten Platz. Der Nagel dafür war noch in der Wand. Schließlich hatte der Pastor, nachdem das Gemälde gestohlen worden war, gesagt: „Ich habe das Gefühl, irgendwann hängt es wieder hier in der Schifferkirche!“